Dieser Artikel entstand unter Mitarbeit von Jan-Markus Pinjuh.
Jeschows Ablösung durch Berija und seine Erschießung beendeten die Große Säuberung (Jeschowschtschina, 1935-1939), bei der täglich über 1000 Menschen den Tod fanden. Berija leitete das NKWD bis zu Stalins Tod 1953 und wurde im darauffolgenden Machtkampf um Stalins Nachfolge von Chruschtschow entmachtet. Für ein Jahr wurde der MWD dem Innenminister Kruglow unterstellt. 1954 wurde aber nicht zuletzt durch die Anstrengungen Berijas – der Kruglow den Machtzuwachs mißgönnte – der KGB vom Innenministerium abgespalten. Neuer Chef des KGB wurde Serow, auf den 1958 Schelyepin und 1961 Semichastnij folgte. Während Schelyepin am Sturz Chruschtschows 1964 beteiligt war, wurde Semichastnij seinerseits durch Breschnew seines Amtes 1967 enthoben.
- Lawrenti Pawlowitsch Berija (1938-1953)
- Sergej Nikoforowitsch Kruglow (1953-1954)
- Iwan Alexanderowitsch Serow (1954-1958)
- Alexander Nikolaiewitsch Schelyepin (1958-1961)
- Wladimir Jefimoitsch Semichastnij (1961-1967)
Lawrenti Pawlowitsch Berija (NKWD, 1938-1953)
Lawrenti Pawlowitsch Berija wurde am 29. März 1899 in Merkuli (bei Suchumi/Georgien) als Sohn einer ärmlichen Bauernfamilie geboren. Schon als Schüler der Polytechnischen Oberschule in Baku schloß er sich den Bolschewiken an und agierte im Untergrund.
Seit 1921 war er Mitglied der Tscheka und avancierte fünf Jahre später zum Chef der (Tscheka-Nachfolgeorganisation) GPU in Georgien. Doch nicht nur in der Geheimdienst- hierarchie machte er Karriere, auch im Parteiapparat stieg er nach oben, als er im Oktober 1931 KP-Sekretär von Georgien wurde. In dieser Position geriet er im Zug der Stalinistischen Säuberungen selbst in das Visier des damaligen NKWD-Chefs Jeschow. Berija, der vor der drohenden Verhaftung gewarnt wurde, konnte durch seine Kontakte unmittelbar bei Stalin vorsprechen und ihn von seiner Loyalität überzeugen. Am 24. November 1938 löste er dann Jeschow in seinem Amt ab, und der große Terror, der sich destabilisierend auf Stalins System auszuwirken drohte, hatte sein Ende.
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 wurde Berija Mitglied des fünfköpfigen Nationalen Verteidigungskommitees. Im April 1943 wurde die Macht- und Ämterhäufung von Berija beschnitten, indem das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) in drei Abteilungen untergliedert wurde:
- in das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD), das weiterhin von Berija geleite wurde, jedoch nicht mehr für Staatssicherheit zuständig war;
- in das Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB), das von Wsewolod Merkulow geführt wurde;
- in die Spionageabteilung des Volkskommissariats für Verteidigung (SEMERSCH), die von Viktor Abakumow geleitet wurde.
Obwohl Berija von seiner Machtfülle hatte abgeben müssen und im eigentlichen Sinne nicht mehr Geheimdientchef war, so wird doch sein Einfluß über seine Vertrauensmänner Merkulow und Abakumow nicht unerheblich gewesen sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1946) wurde SEMERSCH aufgelöst und der Chef des NKGB Merkulow durch Sergej Kruglow, einen loyalen Mitarbeiter Berijas ersetzt. Mit der Entlassung von Abakumow und der Einsetzung von Semjon Ignatjew Ende 1951 errangen Berijas parteiinterne Gegner einen bemerkenswerten Erfolg.
Als Stalin dann im März 1953 starb, entbrannte der Kampf um die Macht im Staate offen. Berija hatte als Innenminister die ,stärkste Hausmacht‘, und Molotow, Woroschilow, Malenkow und Chruschtschow mußten befürchten, daß im Falle, wenn Berija wieder auch die ganze Kontrolle über die Geheimdienste bekäme, sie ausgebootet und letztlich liquidiert würden. So kam es am 26. Juni zu der historischen Sitzung des ZK der KPdSU unter Vorsitz von Nikita Chruschtschow, in der Berija verhaftet wurde.
Über die Umstände seines Todes gibt es zwei unterschiedliche Versionen. Nach der offiziellen wurde Berija, der für den Terror der Stalinzeit verantwortlich gemacht worden war und zudem beschuldigt wurde, im Sold westlicher Geheimdienste die DDR opfern zu wollen, der Prozeß vor einem Sondertribunal des Obersten Gerichtshofs gemacht und am 23.12.1953 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. In der anderen Version, die Chruschtschow dem italienischen Botschafter in Warschau, Eugenio Reale, mitteilte, wurde Berija das Opfer eines filmreifen Mordkomplotts.
Aus Angst von Berijas Leuten verhaftet zu werden, verschanzten sich Molotow, Woroschilow, Malenkow und Chruschtschow in ihren Ämtern, umgeben von ihren Leibgarden. Dann ersinnen die Vier einen Plan. Woroschilow wird vorgeschickt und soll Berija glauben machen, sie seien bereit, ihn als Partei- und Regierungschef zu akzeptieren. Berija erscheint am nächsten Tag im Kreml zur Machtübernahme. Im Sitzungsraum befinden sich auch die Militärs Schukow, Konjew und Moskalenkow als Vertreter der bewaffneten Macht. Malenkow ergreift das Wort, aber anstatt ihm die angebotenen Ämter offiziell anzutragen, beschuldigt er ihn der Verschwörung. Berija begreift schnell, daß er getäuscht wurde, und greift zu seiner Pistole, doch die Nächstsitzenden Konjew, Moskalenkow und Malenkow überwältigen und erwürgen ihn.
Wie sich nun wirklich Berijas Absetzung und Hinrichtung vollzogen hat, kann erst nach einer Freigabe der diesbezüglichen KGB-Quellen – und das wird möglicherweise nie der Fall sein – geklärt werden. Wenn man auch die inoffizielle Version für eine Räuberpistole eines wodkaseligen Chruschtschow halten mag, so bringt sie dennoch das politische Klima zum Ausdruck, das in jenem Juni 1953 in Moskau herrschte, und in dem man alles für möglich hielt. Lawrenti Berija hatte weder das Organisationstalent eines Dschierzynski, er war aber auch kein Staats-Terrorist wie seine beiden Vorgänger Jagoda und Jeschow.
Berija war vielmehr der Apparatschik-Typ, der klug die politischen Konstellationen erkannte und für sich zu nutzen verstand, er war Hofschranze von Stalin und gewissenloser Opportunist. Beim Machtpoker um die Nachfolge hat er alles riskiert – und alles verloren.
Eine Anekdote zum Schluß: Als 1954 die Große Sowjetische Enzyklopädie herauskam, beinhaltete sie, was den Herausgebern entgangen war, immer noch einen zweiseitigen Artikel über den „Helden der Sowjetunion“ Berija. Nachdem das die Verleger bemerkt hatten, schrieben sie umgehend an alle Subskribenten und baten sie, den Berija-Artikel auszuschneiden und zurückzuschicken: Im Austausch bekamen sie für die fehlenden Seiten einen Artikel über die Bering-Straße zugeschickt.
Sergej Nikoforowitsch Kruglow (NKWD, 1953-1954)
Sergej Nikoforowitsch Kruglow wurde 1907 als Sohn einer Bauernfamilie im Dorf Ustje Twerskoi geboren. 1928 trat er der KP bei und arbeitete bis 1931 in der Landwirtschaft. Von 1931 bis 1937 absolvierte er verschiedene ideologische und sprachliche Studien. In dieser Zeit trat er als Handlanger Stalins bei Liquidationen in Erscheinung und überlebte dabei vier Tscheka-Chefs; seine ehemaligen Vorgesetzten Jagoda und Jeschow soll er dabei selbst erschossen haben.
Im Oktober 1937 wird Kruglow in eine an das ZK der KP angeschlossenen Abteilung berufen. Bei der großen Säuberung der Roten Armee soll er die Exekution des Generalstabschef Marschall Tuchaschewski durchgeführt haben. Der Henkerslohn war die Beförderung des ehemaligen Unteroffiziers zum Generalleutnant ehrenhalber.
Durch ZK-Beschluß wird Sergej Nikoforowitsch Kruglow im folgenden Jahr zum NKWD abkommandiert, wo unserer ,Sicherheitsexperte‘ bei der Ermordung von Stalins gefährlichstem Gegner Trotzki wieder kompetente Dienste leistete. Stalin wußte die Loyalität und Effektivität dieses kompetenten Mitarbeiters zu schätzen und betraute ihn mit der Verantwortung für die Sicherheit der Konferenzen von Jalta, Teheran und Potsdam; auch diese Aufgabe meisterte er mit Bravour, was ihm den Orden der amerikanischen Ehrenlegion und die Ernennung zum Ehrenritter des Britischen Empires einbrachte.
Nachdem Kruglow 1945 zum Stellvertreter des Innenministers ernannt worden war, erlangte er nach dem Tod seines Förderers Stalin im März 1953 den lang begehrten Posten des Innenministers, den er bis März 1954 bekleiden sollte; in dieser Zeit wurde auch die Staatssicherheit (MWD) dem Innenministerium unterstellt. Berija, dem die Machtfülle seines alten Freundes nicht gelegen kam, sorgte dafür, daß das KGB vom Innenministerium getrennt wurde; neuer KGB-Chef wurde General Iwan Serow.
Der von Berija ausgebootete Kruglow wurde 1956 im Rang eines Generaloberst entlassen und starb (eines wohl natürlichen Todes) 1977.
Iwan Alexanderowitsch Serow (KGB, 1954-1958)
Iwan Alexanderowitsch Serow wurde am 13. August 1905 im Dorf Afimskoe (Gouvernement Wologod) als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Mitglied der KP seit 1926 absolvierte er die Moskauer Generalstabsakademie und trat 1939 in den Dienst des MWD.
Seine Karriere als Volkskommissar für innere Angelegenheiten in der Ukraine begann spektakulär mit der Deportation ,antisowjetischer Elemente‘ im Baltikum, das gerade durch den Hitler-Stalin- Pakt der Sowjetunion zugeschlagen worden war. Nicht besonders kameradschaftlich benahm sich Serow gegenüber polnischen Offizieren, von denen 15000 im Wald von Katyn 1940 liquidiert wurden. Nach diesem Henker – pardon – Meisterstück avancierte Serow 1941 zum Ersten Stellvertreters des Ministers für Staatssicherheit Berija und wurde von Stalin auch mit dem Befehl über die Verteidigunszone Moskau betraut.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Serow zur Sowjetischen Militäradministration Deutschlands (SMAD) abkommandiert und war Geheimdienstchef in der SBZ; sein Ruf war ihm weit vorausgeeilt, denn bei seinen Untergebenen hatte der Generaloberst den Spitznamen Iwan der Schreckliche. Im Jahr 1947 wurde Serow wieder in der Heimat beordert und zum Ersten Stellvertreter des Ministers für innere Angelegenheiten ernannt.
Im März 1954 erhielt er endlich den begehrten Posten des KGB-Chefs, wo er zwei Jahre später maßgeblich für die Niederschlagung des Ungarnaufstandes verantwortlich war. Als er in demselben Jahr die Sicherheitsvorkehrungen für einen Staatsbesuch seines obersten Dienstherrn Chruschtschow in London treffen sollte, wurde er nicht wie sein Vorgänger Kruglow mit Ehren überschüttet, sondern mußte, von der englischen Presse als „Iwan der Schreckliche“ attackiert, unverrichteter Dinge abberufen werden. Dieser Abberufung folgte zwei Jahre später die Absetzung des untragbar gewordenen Armeegenerals unter dem Vorwand, er habe eine Verschwörung nicht rechtzeitig aufgedeckt.
Der General a.D. konnte sich noch recht lange seiner Pension erfreuen und starb hochbetagt im Alter von 85 Jahren.
Alexander Nikolaiewitsch Schelyepin (KGB, 1958-1961)
Alexander Nikolaiewitsch Schelyepin wurde am 18. 8. 1918 in Woronez geboren. Der Apparatschik Schelyepin begann seine Karriere 1939 als Konsomol-Angestellter (KP-Mitglied wurde er ein Jahr später), wo er dann von 1952-1958 das Amt des Ersten Sekretärs des ZK im sowjetischen Konsomol-Jugendverband bekleidete.
Als er am 25. 12. 1958 von Nikita Chruschtschow zum Nachfolger Serows ernannt wurde, übernahm erstmals kein altgedienter Geheimdienstmann KGB-Führung. Schelyepin war eifrig bemüht, die Effizienz des Geheimdienstes durch Schulungen zu verbessern und kämpfte (wohl wenig erfolgreich) gegen den Alkoholismus in seiner Behörde.
Bei der Aufstellung von Atom-Raketen auf Kuba zeigte Schelyepin Weitblick und warnte vor einer möglichen Konfrontation mit den USA. Schelyepin, der einem innerparteilichen Machtkampf zum Opfer fiel, lebte nach seiner Absetzung am 13.11 1961 noch viele Jahre als Pensionär bis zu seinem Tod 1994.
Wladimir Jefimoitsch Semichastnij (KGB, 1961-1967)
Wladimir Jefimoitsch Semichastnij wurde am 13. 11. 1924 in Grigorjewka/Dneperpetrows geboren. Nach kurzem Studium von 1941 bis 1942 an der Technischen Universität Dneperpetrows schlug auch er wie sein Vorgänger Schelyepin die Laufbahn eines Konsomol-Funktionärs ein.
Nach seiner Ernennung zum KGB-Chef am 13. November 1961 war er eifrig um eine Image-Verbessserung des übelbeleumundeten Geheimdienstes bemüht. Sein Einsatz für eine Rehabilitation der Stalin-Opfer führte zu seiner Entlassung durch den restaurativ eingestellten Breschnew am 18. Mai 1967, wobei er offiziell für die mangelnde Kooperation mit der Armee und die nichtvereitelte Flucht der Stalin-Tochter Swetlana Allilujewa (am 11.3.1967) verantwortlich gemacht wurde. 2001 erlag er wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag einem Herzanfall.